Weg ist weg

Sunk Costs

Bei jedem eingeführten Produkt und auch bei jedem etablierten Prozess stellt sich irgendwann die Frage: Soll ich durch etwas Neues ersetzen? In manchen Fällen ist es einfach. Dann, wenn die Maschine bereits abgeschrieben ist und sich amortisiert hat. Dann, wenn die neue Version der Software verfügbar ist, die genau die schon lange vermissten Funktionen implementiert.

Aber in manchen Fällen ist die Entscheidung nicht so einfach und eindeutig. Folgendes Szenario: Zwei Alternativen stehen zur Auswahl, die Nutzung der bereits eingeführten und etablierten Software und das Umstellen auf die Variante eines anderen Herstellers. Die gesamte Prozedur ist notwendig, vom Design über die Implementierung bis hin zur Schulung der Mitarbeiter. Und jetzt setzt schnell ein psychologischer Effekt ein: Die Berücksichtigung der Zeit, des Aufwands und der Kosten, die bereits in die bestehende Lösung geflossen sind.

Im Englischen wird dies sehr griffig als “Sunk Costs” bezeichnet. Die durch die bestehende Lösung verursachten Kosten sind weg. Bei der Entscheidung zwischen zwei Optionen ist nur die Zukunft wichtig. Diese Aussage gilt auch, oder sogar insbesondere, für Prozesse. Meist sind diese stark in der Unternehmenskultur verankert. Lange ist an der Vorgehensweise gefeilt worden und jeder weiß, was er zu tun hat. Nur irgendwann funktioniert der Prozess nicht mehr. Dies kann beispielsweise für Vertriebsprozesse gelten, wenn sich die Kundenanforderungen geändert haben oder neue Wettbewerber am Markt sind. Nur, man hängt am etablierten Prozess, feilt vielleicht noch an Details, aber der grundlegende Wechsel bleibt aus.

Dies ist übrigens kein Plädoyer für ständige Wechsel der Prozesse oder dem Nachlaufen nach dem neuesten glänzenden Werkzeug, Framework oder Algorithmus. Wenn ich behaupte, dass nur die Zukunft relevant ist, sind auch die virtuellen Kosten in Form von Widerständen (z.B. die Resistenz der Mitarbeiter und Kollegen) mit zu berücksichtigen. Selbst wenn dies nur schwer in Zahlen zu erfassen und zu messen ist. Nur sollte niemand den falschen Gründen an den bestehenden Lösungen festhalten.

Übrigens: Einen ähnlichen Effekt machen sich häufig Videospiele wie Rollenspiele oder Aufbaustrategiespiele zu nutze. Durch das Ansammeln von Punkten, virtuellen Gegenständen und generell die Zeit, die in das Spiel geflossen ist, wird die Entscheidung zu wechseln oder zu beenden stark beeinflusst. Das Gefühl, etwas wertvolles aufzugeben, ist stark. In den meisten Fällen hat dies allerdings keine reale Auswirkung auf die Entscheidung, was man stattdessen mit seiner Zeit machen möchte.

Titelbild: Nick Jio https://unsplash.com/photos/4y4pTj-9phI